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Die Hexe im Bach

Durch den alten Kilchweg wandelte nach der Sage bisweilen eine Hexe. Das Hauptgebiet des Wirkens dieser Hexe war aber nicht auf der Walchwilerseite, sondern in dem gegenüber liegenden Rigigebiet. A. Blum schreibt in seinen Erzählungen und Schilderungen "Rigibilder", dass sie dort im Ghürschbach, in einem wilden, von turmhohen Felsen umgebenen Tobel, ob dem Zugersee gegen den Seeboden hinauf, im sogenannten "Pfaffenkellersteig", ihre Behausung hatte. Viele Leute wollten sie dort gesehen haben, wie sie im grössten Gewittersturm auf hohen Tannen hockte und mehr den strömenden Regen mit ihren Gewandfetzen auffing.

Andere wollten sie gesehen haben in der Umgebung von Ortschaften, als anständig gekleidete Frau, die zu Markt ging. Sie liebte es, in der Nähe von Bergbächen einsame Wanderer zu erschrecken, ihr ehrbares Aussehen verschwand dann plötzlich und wurde zur fürchterlichen Fratze. Dann verschwand sie im Bach, aber die so Erschreckten konnten nicht angeben, wohin die Hexe im Bach weiter gezogen war. Es wurden an Bachufern der Rigi entlang oft Leute tot aufgefunden, die von der Hexe so erschreckt worden waren, dass sie vor Schreck starben. Wenn sie in ehrbarer Gestalt umherging, wäre sie fassbar gewesen. Man hatte sie einmal erkannt, viele Leute rannten ihr nach und hätten sie fast erwischt, da erreichte sie einen der Bergbäche, der von der Rigi niederstürzt und verschwand spurlos. Nur einen leichten Rauch konnten die Verfolger noch wahrnehmen. Auf dem schmalen Pfade, der früher am Fusse der Rigi, dem Zugersee entlang führte, kam es öfters vor, dass an dunklen Abenden vor Reitern, die auf diesem Pfade daherritten, ein grosses, schwarzes Ungeheuer erschien und die Pferde so erschreckte, dass Ross und Reiter verunglückten.

Oft geschah es auch, dass in dunklen Nächten Wanderer plötzlich angepackt und festgehalten wurden, ohne dass sie sagen konnten, was ihnen den Gebrauch der Glieder raubte. In der Nähe des Ghürschbaches, so schreibt A. Blum weiter, war früher eine Einsiedelei. Der Klausner war schon manchem Hilferuf gefolgt und hatte die zu Tode erschreckten und oft verunglückten Pilger und Reisenden gepflegt und dann wieder weiter ziehen lassen. Aber das Rigigebiet genügte dieser Hexe nicht, um ihr Unwesen zu treiben. Sie kam bisweilen über den See nach Walchwil. Da zog sie durch den Dorfbach hinauf und durch den Kilchweg nach dem Sagenbach. Dieses waren Gebiete, wo sie am meisten tätig war. Die Bergwasser waren ihr dienstbar. Ihre Anwesenheit kündete sie gern abends nach dem Betläuten an, durch ein Mark und Bein durchdringendes Geschrei, das dem Geschrei einer grossen Schar junger Schweine glich. Ängstlich zogen dann die Kinder in den Stuben die Beine auf die Bank, fröstelnd schloss die Mutter die Fenster der Stube und flüsterte dem Vater zu: "Die Hexe zieht durch den Bach".

Wie im Rigigebiet, so konnte sie auch in Walchwil ganz harmlos dahinziehende Leute nachts anpacken, festhalten und so erschrecken, dass manche vor Schrecken starben, und wehe dem, der ihrer spottete, oder sie verhöhnte, der bekam ihre Rache zu fühlen. Diese musste einst der Haltli Weibel, er hat Mathis geheissen, erfahren und bitter büssen. Der Mathis war ein gemütlicher Gesellschafter, er verfügte immer über einen guten Spass, oder wusste sonst etwas Lustiges zu erzählen. Oft sass er länger hinter einem Schoppen, als die Wirtsleute es gern sahen. Da war er eines Abends wieder einmal bei den "Engeln" im "Engel" und sass hinter einem Schoppen kräftigen "Walchwilers". Die anderen Gäste hatten sich schon entfernt, aber er machte noch keine Miene zum Gehen. Da fingen sie an, ihn ein wenig zu hänseln und aufzuziehen und meinten, er dürfe diesen Abend wohl kaum mehr nach Hause gehen, da die Hexe wieder im Bach sei und zudem sei es Fronfasten, da sei es schon gar nicht geheuer. "Ja, diese Hexe soll nur kommen, mit der will ich''s schon machen" gab der Weibel höhnisch zurück und fing an zu wettern und zu spotten, als ob er es mit einem ganzen Dutzend solcher Ungeheuer aufnehmen wollte. Nachdem er noch eine Weile so gedonnert und die Wirtin ihn geneckt hatte, bezahlte er seine Schoppen und schickte sich zum Gehen an. Die junge Wirtin begleitete ihn mit dem Oellämpchen noch unter die Haustür und nachdem er ihr noch einen "Uzezünder" in die Hand gedrückt, verschwand er im Dunkel der Nacht. Sein Weg führte dem Dorfbach entlang durch die Gass hinauf, eine Strasse gab''s noch nicht durchs Dorf. Oberhalb des Dorfes musste er den Dorfbach überschreiten. Da just, wie er an der Brücke war, kam die Hexe durch den Bach gerasselt und liess ein Geschrei ertönen, dass der Weibel erschrak, dass ihm die Haare zu Berge stiegen, und er nur daran denken konnte, sich zu wehren oder zu fliehen, hatte sie ihn schon gepackt, riss ihn über die Brücke, schleppte ihn eine Strecke weit den Bach hinunter und liess ihn in einer Wasserlacke, einem "Gunten", liegen. Erst als am Morgen der Sigrist die Betglocke läutete, war die Macht der Hexe gebrochen, der Mathis vom Banne befreit, konnte sich erheben, sein nasses Bett verlassen und heimwärts wanken. Wahr soll''s sein, er habe sie oft erzählt, seine nächtliche, unfreiwillige Bachwanderung und einen grausigen Respekt bekommen vor dieser Hexe.

Noch schlimmer als dem Haltli-Mathis ging es dem Utigli-Seeb. Dies war ein grosser, starker Mann und geübter "Hägler", das tat er viel und gern. Auch er sass eines Abends nach dem Feierabend noch in der Wirtschaft bei einer "Halbe". Schon manchem der Gäste hatte er an jenem Abend den gekrümmten Finger, den sogenannten "Schmidli", hingehalten, doch keiner wollte diesmal einhängen. Da wurde er zornig und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Halbeflaschen klirrten und rief: "Heut abend muss noch gehägelt werden und wenn''s mit der Hexe wäre". Er trank aus und ging. Beim Weggehen drohte er noch: "Der erste, der mir begegnet, muss mit mir hägeln, ob er will oder nicht". Er ging dem See entlang, über den Sagenbach den Bühl hinauf. Wie er mitten auf dem Bühl ist, da ertönt auf einmal vom Tobel her ein entsetzliches Geschrei, so dass dem Seeb der Boden unter den Füssen zu zittern schien. "Das ist die Hexe", denkt er, "doch die bleibt im Tobel drunten und dorthin gehe ich nicht." Aber kaum gedacht, da nähert sich etwas vom Tobel her, wie ein Schatten, ganz leise und geräuschlos kommt''s daher, immer näher und näher. Jetzt ist''s dem Seeb schon ganz nahe und streckt ihm etwas wie einen Arm, eine Hand, einen Finger entgegen, als wollte es hägeln. Doch den Seeb ergreift ein Gruseln und Schaudern, dass es ihm ganz krampfhaft die Arme an den Leib zieht. Er ist nicht imstande, eine Hand zu heben. Da packt''s ihn beim Arm, der Seeb will''s abschütteln, doch umsonst, es umklammert seinen Arm und führt ihn hinauf bis unter die Dürrenburgfluh. Da lässt''s ihn frei. Ein teuflisches Hohngelächter und das Ungeheuer verschwindet im nahen Tobel. Der Seeb aber, von Angstschweiss überronnen und vor Schrecken halb gelähmt, schleppt sich nach Hause und bekommt einen gar furchtbar bösen Arm, der ihm nie mehr völlig heilte und es war für immer ausgehägelt.

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